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Wie kam es zu diesem unscheinbaren Markenwinzling?Klein, blau und ziemlich hässlich – so kann man die einzigen Zwangszuschlagsmarken der Bundesrepublik Deutschland beschreiben. Dass sie deshalb aber noch lange nicht langweilig sind, wird dieser Artikel zeigen.

 

Westdeutsche Nachkriegsgeschichte im Kleinstformat

Der blaue Winzling spiegelt wie kaum eine andere Marke westdeutsche Nachkriegsgeschichte wider. Nach der Zerschlagung der Nazi-Diktatur 1945 wurde Deutschland in vier Besatzungszonen geteilt: Die amerikanische, die britische, die französische und die sowjetische Zone. Die Gebiete östlich der Oder und der Neiße wurden von Deutschland abgetrennt und kamen unter polnische bzw. sowjetische Verwaltung. Die ehemalige "Reichshauptstadt" Berlin war nicht Bestandteil einer der vier Zonen, sondern sollte von den vier Besatzungsmächten gemeinsam verwaltet werden. Sie war wiederum in vier Sektoren geteilt. Die folgende Abbildung zeigt die Situation von 1945 bis 1949:

Map-Germany-1947
Deutschland 1945-1949
By 52 Pickup [CC-BY-SA-2.5], via Wikimedia Commons

Ein Flugzeug der Luftbrücke landet in Berlin-Tempelhof [By USAF [Public domain], via Wikimedia Commons]Die westlichen Besatzungsmächte (USA, Großbritannien und Frankreich) führten am 21. Juni 1948 in ihren Zonen die Deutsche Mark ein, schlossen die Westsektoren Berlins jedoch aus. Die Sowjetunion musste handeln und beschloss für den 24. Juni eine Währungsreform für die sowjetisch besetzte Zone und schloss dabei Berlin ausdrücklich mit ein. Das aber wollten die Westmächte nicht mitmachen und führten ihrerseits in den Westsektoren Berlins die Deutsche Mark ein. Hierauf verhängte die Sowjetunion eine vollständige Blockade West-Berlins.

Die USA, Großbritannien und Frankreich begannen mit dem größten Lufttransportunternehmen der Geschichte: Die Millionenstadt West-Berlin wurde auf dem Luftweg versorgt. Flugzeuge, die wenige Jahre zuvor noch Bomben zur Vernichtung der Machtzentrale der Nazis herangeschafft hatten, flogen nun Nahrungsmittel, Heizmaterial, Medizin, und sogar ein in Einzelteile zerlegtes Kraftwerk nach Berlin.

Dennoch ging es den West-Berlinern nicht gut. Die Not war groß. In der amerikanischen und britischen Zone (Bizone) wurde daher ein Steuerpaket Namens "Notopfer Berlin" geschnürt, das etwas später auch in der französischen Zone eingeführt wurde. Es umfasste etliche Steueranhebungen, die West-Berlin zu Gute kamen. Unter anderem wurde bestimmt, dass auf eine ganze Reihe von Postsendungen eine Abgabe von 2 Pf bezahlt werden musste. Dem Bezahlen dieses Notopfers dienten die "Notopfer"-Marken.

Fast sechs Jahre lang westdeutscher Alltag: Notopfer von 2 Pf pro Brief. Hier ein Beleg aus der französischen Zone.

340 Millionen DM für West-Berlin

Zwischen dem 1. Dezember 1948 und dem 31. März 1956 mussten also fast alle Postsendungen innerhalb der Bundesrepublik zusätzlich zur normalen Frankatur mit einer Notopfermarke frankiert werden. Es handelt sich also um so genannte Zwangszuschlagsmarken. Die ganze Zeit über betrug der Wert dieser Marken 2 Pf. Zum Vergleich: ein Fernbrief kostete damals 20 Pf.

Innerhalb der fünf Jahre des Verwendungszwangs wurden über 17 Milliarden Marken verkauft. 340 Millionen DM gingen auf diese Weise nach West-Berlin.

Steuerschlupflöcher

Ausnahme vom Notopfer: Briefe von und nach Berlin waren notopferfrei...
... ebenso wie Briefe ins Ausland und in die DDR. Hier ein Brief vom Sammlerverband BDPh an seinen späteren Präsidenten.

Nicht alle Briefe mussten mit Notopfermarken versehen werden: Briefe von und nach Berlin waren davon ausgenommen, ebenso Briefe ins Ausland und in die DDR. Oder Briefe von ausländischen Botschaften.

Drucksachen waren ab dem 1. Januar 1950 ebenfalls vom Zuschlag befreit. Benutzer von Freistempelgeräten konnten den Betrag in bar bezahlen, so dass Belege mit Freistempelabdrucken meistens keine Notopfermarken tragen. Besonders im Bereich der Französischen Zone gab es sehr viele Ausnahmen. Einige Monate lang sagte man sich dort vom "Notopfer Berlin" ganz los und sammelte anschließend lieber für den eigenen Wohnungsbau. Hierfür gab es natürlich eigene Zwangszuschlagsmarken.

Dazu kam noch, dass die SBZ bzw. später DDR Briefe, die irrtümlich mit Notopfermarken beklebt waren, zurückschickte. Solche Belege mit Stempeln "Zurück — Steuermarke unzulässig" werden von Spezialisten gesucht. Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Ausnahmen und Spezialfälle, deren Aufzählung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

Notopfermarken im Katalog

Im MICHEL-Katalog findest du die Notopfermarken am Ende der amerikanischen und britischen Zone, direkt vor dem Sammelgebiet "Bundesrepublik".

Nur auf den ersten Blick die gleiche Marke... ... beachte das Wort 'Berlin'!

 
Die Marken wurden in verschiedenen Ausführungen hergestellt. Die Sammler unterscheiden vier verschiedene Zeichnungen, die sich vor allem an dem Wort "BERLIN" und den Buchstaben "N" und "R" von "Notopfer" unterscheiden lassen. Die Unterschiede zwischen den Zeichnungen sind im MICHEL-Katalog ausführlich erläutert. Mit etwas Erfahrung lassen sich die Marken recht sicher unterscheiden.

Dazu kann man noch drei Wasserzeichen und zwei Druckverfahren unterscheiden.

Extreme Häufigkeitsunterschiede der Notopfermarken: Unter zwanzig Marken darf man nur auf ein Exemplar der Nummern 3, 4, 5 oder 7 hoffen! (Quelle: DBZ 3/99) 

Der MICHEL-Katalog nennt insgesamt acht Hauptnummern, die höchst unterschiedlich häufig sind. Wenn du zwanzig Notopfermarken hast, so kannst du erwarten, dass du neunmal der Nummer 6, sechsmal die Nummer 8, viermal die Nummer 2 und nur ein einziges Exemplar der Nummer 1, 3, 4 oder 5 findest. Um eine Chance auf jede der acht Nummern zu haben, musst du sogar 1.000 Marken haben.

Variantenreicher Start: MiNr. 1 und 2

Die Marke mit der Katalognummer 1 erschien am 1. Dezember 1948 geschnitten, sie musste also mit der Schere vom Bogen abgeschnitten werden. In einigen Postämtern ließ man die Marken von örtlichen Druckereien noch nachträglich zähnen. Diese so genannten Postmeistertrennungen sind sehr schwer von den amtlichen Trennungen zu unterscheiden, teuer und fälschungsgefährdet. Außerdem gibt es auch private Zähnungen und Durchstiche. Zwei Wasserzeichen, davon eines in drei verschiedenen Lagen (Stellungen), können unterschieden werden.

Noch im Dezember kamen die Notopfermarken auch gezähnt an die Schalter. Diese Marken sind unter der Katalognummer 2 zusammengefasst und unterscheiden sich ansonsten nicht von der Nummer 1. Schon der normale Deutschland-Katalog kennt zwölf verschiedene Zähnungen. Da das Zähnungsmaß an der kurzen senkrechten Seite sehr schwierig auszumessen ist, sollte man beim Tauschen oder gar Kaufen dieser Marken sehr vorsichtig sein und teure Stücke (ab 10,— € Katalogwert) nur geprüft erwerben. Zusätzlich zu den diversen Zähnungen kann noch nach drei Wasserzeichen bzw. -lagen unterschieden werden.

Neue Zeichnungen ab 1950

Im März 1950 wurde die Zeichnung der Notopfermarken geringfügig geändert. Schließlich wurde auch zusätzlich zum bisher verwendeten Buchdruck der Offsetdruck eingesetzt. Diese Marken mit den Nummern 3 bis 5 sind schon in der Bundesrepublik herausgegeben worden. Sie gehören also theoretisch gesehen auch in eine Bund-Sammlung bei der ansonsten die Ausgaben der Bizone nicht beachtet werden.

Gegenüber den ersten beiden Nummern sind diese und alle weiteren Ausgaben vergleichsweise arm an Unterscheidungsmöglichkeiten. Neue Druckmaschinen im Juni führten zu einer abermaligen geringfügigen Änderung der Zeichnung und damit zu den neuen Marken 6 und 7. Eine letzte Änderung der Zeichnung erfolgte 1954. Diese letzte Marke mit der Nummer 8 unterscheidet sich durch das fette "Berlin" sehr deutlich von ihren Vorgängern.

Besonderheiten

Gebrauchte Einheiten (Paare, Streifen) kommen aus Sammelaufgaben von Paketen vor.


Eine Besonderheit bilden größere gebrauchte Einheiten der Notopfermarken, also mehrere, zusammenhängende, gestempelte Marken, denn wie eingangs erwähnt, musste jede Postsendung ja nur mit einer einzigen Marke frankiert werden. Wozu sollten die Postbenutzer also mehrere Marken aufkleben?

Es war damals möglich, bis zu zehn Pakete an den gleichen Empfänger mit einer einzigen Paketkarte einzuliefern. Die Notopfermarken wurden gemeinsam mit den Paketgebühren auf die Paketkarte geklebt. Daher können auch mehrere zusammenhängende, bedarfsmäßig gebrauchte, Marken vorkommen. Im Spezialkatalog sind diese Marken extra bewertet. Sie sind immer teurer als die gleiche Zahl loser Marken.

Plattenfehler

Besonders die Nummern 1 und 2 sind reich an Plattenfehlern. Bei vielen Briefmarken artet die Plattenfehlersuche in eine ziemliche Sisyphusarbeit aus. Im Katalog findet man dann Beschreibungen wie "Spatenstiel des zehnten Arbeiters von links gebrochen". Anders bei den Notopfermarken. Ihre einfache detailarme Zeichung macht die Fahndung nach Plattenfehlern verhältnismäßig einfach.  

Die folgenden Abbildungen zeigen zwei schöne Plattenfehler: Bei der linken Briefmarke ist das "B" in Berlin oben gebrochen und bei de rechten Briefmarken ist die Ziffer "2" am Fuß unten gebrochen.

 

Wie sammeln?

Eine Auswahl von Notopfermarken gehört eigentlich in jede Bund-Sammlung. Zum Beispiel jede der acht Hauptnummern einmal. Je nach persönlichem Geschmack kann man dann auch noch die Wasserzeichenunterschiede dazu nehmen. Diese sind aber teilweise recht schwierig zu beschaffen und in zwei Fällen sehr teuer. Die weitere Spezialisierung ist mit sehr viel Arbeit verbunden, kann aber auch viel Spaß machen. Die Zähnungsunterschiede sind teilweise sehr fummelig festzustellen.


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